Anker setzen

Halb sechs morgens am Ufer Altonas. Es ist kalt und noch dunkel, aber an diesem Fleck herrscht bereits zu früher Stunde reges Treiben. Der Hamburger Fischmarkt – man könnte sagen ein Ort der niemals schläft. Hier treffen sich Menschen, deren Abend sich nach ausgiebigem Feiern auf dem nahegelegenen Kiez mit einem Fischbrötchen und schräger Musik bald dem Ende neigt und wiederum die Menschen, die ihren Tag früh mit einem Großeinkauf beginnen. Somit ist immer etwas los.

Aber dies ist nicht der einzige Kontrast den Hamburg zu bieten hat. HSV – St. Pauli. Neuer Wall – Reeperbahn. Eppendorf – Schulterblatt. Obwohl der Hamburger die Ordnung und die Regelmäßigkeit liebt, was man beispielsweise an dem Stadtbild erkennen kann, wo als höchstes Gebäude lediglich die Kirchturmspitzen zu entdecken sind, scheint die Stadt doch für jeden etwas anderes zu bedeuten. Was aber alle verbindet, ob schick oder schäbig, ist das Wasser. Alster oder Elbe, man kann ihm einfach nicht entfliehen.

img_4257

Am Wochenende laufen Sportliche und Hundebesitzer die 7,4 km lange Alster Runde – gerne auch mehrmals – um danach im Alster Café andere Gesellige zu treffen. Familien aus der Elbchaussee verschlägt es ins Ferienhaus in das drei Stunden entfernte Sylt, wo die Nachbarn von zuhause die gleichen bleiben; schließlich leben 42.000 Millionäre und 16 Milliardäre in Hamburg – aber darüber spricht man nicht. In Hamburch‘ (wie Originale zu sagen pflegen) kennt man sich. Nirgendwo anders gibt es einen so alteingesessenen Kreis. Inoffiziell darf sich erst einer als Hamburger bezeichnen, wenn er in dritter Generation in der Hansestadt geboren ist. So bleibt man dann eben auch unter sich. Neuzugänge haben es in der Regel schwer: nicht nur um Anschluss in einem Freundeskreis zu finden, sondern auch um in den reichlichen und begehrten Hockey Clubs einen Platz zu bekommen – Bewerber werden nie genommen, man braucht schon die richtigen Kontakte für eine Mitgliedschaft. Bis der Hanseat auftaut, kann es gerne mal bis zur nächsten Sturmflut dauern. Aber er entwickelt sich; ebenso wie die Stadt. Die weltbekannte Elbphilharmonie (wo auch die Chanel Modeschau 2017 stattgefunden hat) symbolisiert die große Erweiterung der Stadt in der Hafencity. Ein gelungener Kontrast zwischen architektonischer Historie (gekennzeichnet durch Backstein) und moderne Einform von großen Glasfassaden. Wie die „Elphi“ eben. Das spiegelt sich auch im Stil der Hamburger wider. Während man ungern auf die klassische rote Hose verzichtet (Backstein), sind auch gedeckte Töne wie Beige, Grau, Dunkelblau (Glasfassade) besonders beliebt. Vorteil: Hier sieht man selten jemanden schlecht oder unpassend gekleidet.

hh3

Hamburg und Hamburger bleiben sich eben gerne treu. Auch die Restaurants wechseln hier selten wie nie ihren Standort. So wie das stadtbekannte „Da Mario“ in Pöseldorf in der Milchstraße. Jeder der Hamburg kennt, kennt auch „Edi“, den Besitzer seit 1970. Bei Wind und Wetter sitzen die Stammgäste unter dem roten Sonnensegel, welches viel eher eine Regenschutz ist (129 Regentage pro Jahr), um draußen zu rauchen und zu schnacken a lá Helmut Schmidt, nach welchem der Flughafen 2016 benannt wurde – eine wichtige Hanseatische Persönlichkeit. Aber auch Gesichter wie das von Udo Lindenberg („Reeperbahn“), Jil Sander oder Karl Lagerfeld prägen die Kreativ-Stadt. Lagerfeld sagte einst: „Hamburg wird mir nie aus dem Kopf gehen, Liebe auf Abstand ist langlebiger. In diesem Falle würde ich sogar sagen: lebenslänglich.“ Der Hamburger liebt in der Regel seine Stadt. Zwar zieht es viele raus in die Welt (durch den Hafen einer der bedeutendsten Logistik-Standorte), doch am Ende kehren die allermeisten wieder zurück. Hamburg scheint seinen Anker sehr tief gesetzt zu haben.

040

Fotos: Frankie

Ein Gedanke zu „Anker setzen“

  1. Dass Hamburg eine facetten- und kontrastreiche Stadt ist dachte ich mir bei jedem Besuch. Schön, dass ihr das auch so seht und in dem Beitrag so toll durch „HSV – St. Pauli“ etc. veranschaulicht! Besonders gut hat mir auch Lagerfelds Zitat gefallen: „… Liebe auf Abstand ist langlebiger….“. Hier musste ich direkt an die Hamburger denken. Etwas zurückhaltender und auf Abstand, jedoch immer höflich und auf ihre eigene Art und Weise auch herzlich. Die wunderschönen und stimmigen Bilder runden den Text perfekt ab!

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s