„Ich hatte wie alle anderen diese Fantasie von Berlin“

Jakob Urban kommt aus Brüssel, studiert nun in Berlin Philosophie und ist nebenbei in der Performance-Kunst tätig. Er ist einer von vielen Menschen, die nach Berlin kamen, weil sie die große Freiheit suchten. Wie sieht er als nicht-gebürtiger Berliner die Hauptstadt? Haben sich seine Vorurteile bestätigt? Diese und andere Fragen beantwortete mir Jakob an einem späten Nachmittag bei Kaffee und Toast in Charlottenburg. Vorsicht, Sarkasmus.

Mery: Du kommst aus Belgien. Mit Deutschland hattest du ja dann nie wirklich viel zutun, oder?

Jakob: Tatsächlich kommen meine Eltern aus Deutschland. Sie sind Deutsche, sind aber im Kindesalter nach Belgien gekommen. Meine Mutter hat z.B. auch nie wirklich in Deutschland gelebt. Ich fühle mich auch mehr belgisch als deutsch. Deutschland war für mich immer Socken und Sandalen und Biotanten.

Mery: Aber du bist trotzdem nach Berlin gekommen. Wieso?

Jakob: Einerseits dachte ich mir: Ich muss weg von Brüssel, ich war zu lange hier, ich muss weg. Und ich glaube, ich hatte wie alle anderen diese Fantasie von Berlin. Ich dachte wirklich „hier ist es frei, hier ist es queer, und hier kann man nicht anders als Kultur und Spaß über den Weg zu laufen“…ich habe damals viel Dazed gelesen. Und als ich hier her kam, war ich erstmal ein bisschen enttäuscht, weil ich gemerkt habe: Man muss das suchen, das kommt nicht einfach auf einen zu. Und dann hab ich mir einfach mein eigenes Berlin draus gemacht. Ich bin also nach Berlin gekommen, weil ich Veränderung wollte. Die Leute die jetzt nach Berlin kommen und die Ökonomie zerstören, das bin ich! Ich lebe ja in Neukölln als upper middle class und gentrifiziere da vor mich hin. Schon scheiße!

Mery: Denkst du, in Belgien aufzuwachsen hat dich in deinem Stil beeinflusst?

Jakob: Ich mag tatsächlich die Antwerp Six sehr gerne (Gruppe von Modedesignern, die an der Antwerp’s Royal Academy of Fine Arts studiert und mit ihrer radikalen Vision für die Mode Antwerpen als Stadt des Mode Designs etabliert haben; bestehend aus Walter Van Beirendonck, Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene, Dirk Bikkembergs und Marina Yee) – plus Margiela. Ich wollte mal Mode studieren an La Cambre, das ist in Brüssel so die bekannteste Modeschule. Ich glaube, meinen persönlichen Stil hat es aber nicht so beeinflusst. Als ich noch Designer werden wollte, hat mich dieses Destruktive, beziehungsweise die Schönheit in Dingen zu sehen, die imperfekt sind, sehr inspiriert. Understatement, aber trotzdem beeindruckend. Ich liebe an Margiela dieses Performative! Ich bin ja jetzt auch in der Performance-Kunst tätig und das hat mich in der Hinsicht auch geprägt.

Mery: Wie hat sich denn dein Stil durch die Kunst geändert?

Jakob: Ich würde am liebsten immer die Illusion aufmachen, dass ich Tänzer bin, und versuche dann immer zu identifizieren, wie Tänzer rumlaufen.

Mery: Wie kleiden sich denn Tänzer?

Jakob: So technisch. Sodass man sich bewegen kann. Ich würde sagen, ich mag es sehr gerne, wenn es gemütlich ist und man Bewegungsfreiheit hat. Und ich mag es auch, wenn die Kleidung selbst in der Bewegung schön ist. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass die unteren Ecken von meinem Mantel sehr schön herumflattern. Das gefiel mir. Ist so was ganz Doofes, aber ich mags. Ich hab auch ein Oberteil, da gefällt mir sehr, wie es das Licht reflektiert. Ich mag diese Details. Ich schaue mir auch gerne Fashionshows an und interessiere mich ja, dadurch dass ich mit Theater und Perfomance zutun habe, für Kostüme. Ich mag es aber gerne, wenn die Kostüme trotzdem noch am echten Leben dran sind. Mir gefallen z.B. Tutus und dieses ganze Prunkvolle nicht so. Einfach, gut zum Bewegen und nah am echten Leben. Ich mag also einfach ein bisschen dieses Performative an Kleidung. Ich bin jetzt aber nicht so jemand, der immer mit mega Glitzer Tops rumläuft. Obwohl, wenn ich ausgehe…einmal, als ich ausgegangen bin, habe ich ein Hemd so getragen, dass meine Brust frei war und das dann hinten gebunden. Lustigerweise war es weiß, und ich wusste nicht, dass im Club Schwarzlicht ist, und dann hat das so gestrahlt!

Mery: Dann hat sich ja die Frage nach deinem eigenen Stil schon geklärt.

Jakob: Mhm, joa. Das Ding ist, im Alltag sehe ich glaube ich oft gar nicht so aus, wie ich gerne aussehen würde, weil ich oft zu den praktischen Sachen greife. Und so langsam fange ich an, dass mein Kleiderschrank nur noch aus den Dingen besteht, die praktisch sind, aber gut aussehen. Das ist sowas, woran ich arbeite. Am ehesten würde ich meinen Stil vielleicht als funktional beschreiben. Das klingt doof, aber ich mag es, dass Kleidung schön ist, und eine gewisse Ausstrahlung hat. Früher bin ich nur in Schwarz herumgelaufen, jetzt fange ich langsam an, Farbe reinzubringen, und merke, das bringt was. Wenn alles schwarz ist, siehst du schnell so aus, als hättest du dir nicht viel Mühe gegeben. Entweder du siehst richtig cool und Yohji Yamamoto aus, oder eben langweilig. Es ist schwer, denn du brauchst dann DEN Pullover, DIE Hose, DIE Schuhe. Wenn du Farbe hast, dann reicht es, dass du ein interessantes Muster hast oder eine interessante Kombination, damit es einen Sinn ergibt.

Mery: Wie würdest du denn Berliner Stil definieren? Denkst du, diesen Stereotyp, den man im Kopf hat, der ist das „typisch Berlinerische“?

Jakob: Ich glaube, es gibt dieses Klischee, und zwar einerseits so dieses typische Hipster-Ding: Holzfällerhemd, Cap, bisschen Öko, aber nicht zu viel. Und dann gibt es noch das aus der Clubsszene. Alles in Schwarz, funktionale Stoffe, sehr Sportswear, riesige Schuhe, so wie diese Buffalos. Und das bemerkt man natürlich schon. Aber bei mir an der Uni laufen die meisten eigentlich 0815-artig herum. Also ich glaube, es gibt Leute, die sich wie das Klischee anziehen, und eventuell gibt es davon mehr als zum Beispiel in Brüssel, aber es kommt auch immer darauf an, wo du bist. Wenn du durch Kreuzberg läufst, ist es was ganz anderes, als wenn du in Wilmersdorf bist. Ich weiß noch, ich war am Anfang ganz schockiert, weil Berlin auf einmal so normal war. Ich habe das Gefühl, wenn du nicht in Berlin lebst, und vielleicht auch nicht in Deutschland, dann hast du so ein Bild von Berlin, das nur durch die Clubszene, Berghain, das Hipsterzeug geprägt ist. Und natürlich ist Berlin eine Stadt wie jede andere, es gibt eben auch Leute, die nicht so rumlaufen, was auch vollkommen okay ist. Das heißt, ich glaube, es gibt Leute die so rumlaufen, vielleicht mehr als durchschnittlich, aber wenn du alle Leute, die in Berlin leben nimmst, sind die meisten einfach ganz normal. Ich glaube, wenn man dann mal „komisch“ aussieht oder aus der Norm fällt, wird man dafür weniger angeguckt. Einmal hatte ich etwas an, da dachte ich, uh, das könnte risky werden, vielleicht macht jemand einen Kommentar. Aber ich war allen vollkommen egal! Lustigerweise wurde das ja im Interview in München auch erwähnt, und ich dachte immer, in München würdest du sofort angeguckt werden. Ich glaube, in Berlin sind die Menschen einfach daran gewöhnt, dass es hier Menschen gibt, die einfach in keine sozial etablierte Norm hineinpassen. Ich finde dieses „Berlin ist arm, aber sexy“ wird immer noch ein bisschen gelebt. Es gibt gewisse Dinge in Berlin, die es woanders nicht gibt, und das beeinflusst auch den Berliner Stil.

Mery: Was gibt es denn in Berlin, das es woanders nicht gibt?

Jakob: Ich glaube, was Sexualität angeht, ist Berlin lockerer. Und Sexualität hat ja auch mit Performativität und dem Körper zutun. Dadurch, dass es den meisten Leuten hier egal ist oder sie offener damit umgehen, ändert das auch das Stadtbild und damit auch den Stil, denn wie gesagt, es hat auch was mit Körperlichkeit zutun und Kleidung ja auch. Berlin ist unangespannter, was Körperlichkeit angeht.

Mery: An welchen Orten in Berlin bist du gerne? Wo bist du anzutreffen?

Jakob: Zuhause! Nein, aber ich bin gerne in verschiedenen Cafes. Ich mag sehr gerne türkisch-arabische Cafes, wo du die ganzen Hipster-Leute nicht hast. In meinem Kiez fangen jetzt an, Hipster Cafes aufzumachen, und ich denke mir: Hier leben viele Leute, die sich kein 10-Euro-Frühstück leisten können, und  es gibt eben diese Cafés, die oft von Türken geführt werden, die Frühstück anbieten, das super lecker ist, mit sehr viel Herz und Mühe gemacht, für 3 Euro oder so! Ich mag Orte, die überschaut werden. Ich bin auch selten in einem Café mehrere Male. Aber es ist auch sehr schwer, ein wirklich schlechtes Café in Berlin zu finden. Entweder die Einrichtung oder die Stimmung ist gut oder die Musik oder der Kaffee, es ist nie alles schlecht und schlimm.

Fotos: Mery

3 Kommentare zu „„Ich hatte wie alle anderen diese Fantasie von Berlin““

  1. Liebe Mery,
    Ich finde es toll, dass du deinem Sarkasmus auch in deinen Beiträgen treu bleibst. Das alternative Denken und das Freiheitsgefühl, das Jakob beschreibt, bringt viele Jugendliche dazu, nach der Schule oder Ausbildung erst einmal in eine Großstadt zu ziehen, um wirklich frei zu sein. Das transportierst du sehr gut! Man merkt, dass Berlin grundsätzlich mit anderen Städten zu vergleichen ist, da jeder selbst seine persönlichen Lieblingsorte suchen und finden muss. Dass der Hype aber oft größer ist, als die Wirklichkeit.
    Und zu guter Letzt: Der Vergleich mit dem Tanzen ist mein Highlight!

    Liebe Grüße,
    Anna-Lena von Base089 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s