Mit ’nem Wegbier durch Berlin

Im Schlendergang vorbei an Kühltruhen und Lebensmitteln, mit einer Pulle Bier in der Hand, vor zur Kasse um kurz vor 23 Uhr. Mit längeren Öffnungszeiten und einem nahezu gleichen Angebot sind die Spätis Anlaufstelle für nonkonforme Einkäufer. Knapp 1.000 Spät-Supermärkte gibt es in Berlin, 70% davon sind türkisch. International ist Berlin allemal. Mit den rund 200 verschiedenen Nationen zieht es vor allem Aussteiger, Erfinder, Vorwärtsdenker und Freigeister in die Kreativstadt. Inmitten von Kultur und Politik fühlen sie sich geborgen.

„Berlin is never Berlin“

Die deutsche Hauptstadt hadert permanent damit, eine Einheit zu sein. „Ich fahr nur mal kurz rüber“: So ist zwar Berlin seit dem Mauerfall am 09. November 1989 nicht mehr zweigeteilt, jedoch besteht immer noch eine gewisse Distanz zwischen Ossis und Wessis. Doch trotz aller Vorbehalte sind sie immer noch eins: mit ganzem Herzen Berliner. Und so ist jeder Kiez ein eigener Kosmos. Ein Großstadtdschungel mit Mate trinkenden Start-up-Gründern, vor Kreativität strotzenden Künstlern und Rauschebärten. Tatsächlich sind 17% der deutschen Start-ups in Berlin angesiedelt (Quelle: Startup Monitor). Aber nicht nur Jungunternehmen und Kreative treibt es in die Spreemetropole; auch Studenten zieht es hier hin, um sich selbst zu verwirklichen. Aber da wo verwirklicht wird, muss auch gefeiert werden. Bekanntlich beginnt in Berlin das Wochenende schon am Freitag, auf dem Weg in die Mittagspause.

Dir find ick KNORKE!

Kleiner Exkurs: Pfannkuchen sind Krapfen. Eierkuchen sind Pfannkuchen. Da wird man doch meschugge. Zugegeben, Berlin hebt sich in vielerlei Hinsicht von anderen Städten ab. Frei Schnauze und stetige Gelassenheit im Angesicht des Chaos: Na und?

In Berlin herrscht eben eine andere Mentalität. Das, was auf Außenstehende oft unhöflich oder schroff wirkt, ist für die Berliner normaler Umgangston und meist gar nicht böse gemeint. Daher wird ihre direkte Ausdrucksweise auch als „Schnauze mit Herz“ bezeichnet. Der Subtext wird hier eben nicht so geschätzt, sie sagen gerade heraus, was sie sich denken. Es ist ihre ehrliche Herzlichkeit, ihr pessimistischer Optimismus, der trockener Humor und ihre Gelassenheit, was die Berliner ausmacht. Denn sie leben die Provisorien. Sie planen ihre Abende nicht, denn sie sind spontan und unverbindlich, auch wenn sie und ihre Atzen (Berliner Ausdruck für Freunde) am Ende mit einem Wegbier vorm Späti enden.

Multi-Kulti

Mit rund 3,6 Millionen Einwohnern ist Berlin die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands. Dabei ist der Ur-Berliner mit nur 47% in der Unterzahl (Stand: 2017). Berlin ist eben international und zählt zu den drittbeliebtesten Touristen-Städten Europas, nach Paris und London. Kein Wunder, denn sehenswerte Schauplätze gibt es hier an jeder Ecke. Sei es das Brandenburger Tor, der Ku’damm als Shopping-Boulevard mit kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten oder der Alexanderplatz mit dem 368m hohen Fernsehturm. Da wo der Tourist mit seinem Selfie Stick kaum noch abschweifen kann, setzen die Großstädtler ihren Enthusiasmus sparsam ein. Sie tummeln sich eher im Stadtteil Charlottenburg, mit den zahlreichen kleine Self-made-Stores und Cafés, oder auch im „Café am Neuen See“. Alexanderplatz? Da gehen Berliner nur hin, wenn sie von der U-Bahn in die S-Bahn umsteigen wollen.

Alles erlaubt, aber nicht alles egal

Die Stadt mit dem ganz eigenem Stilbewusstsein, da wo viele Szenen aufeinandertreffen und selbst noch der Jack-Wolfskin-Träger seine Anhänger findet. Hipster mit Jutebeutel, Punks mit besprayten Lederjacken und der Öko mit selbstgefilztem Hut. Berlin bietet jedem Stil und jeder Kultur ein Zuhause. Dabei gilt es möglichst unkonventionell zu sein. Weg von etablierten Image-Marken, Perlenketten und Einheitsbrei. Die Finger bleiben weg von Logos, es sei denn es ist Second-Hand. Anti-Chic statt Haute Couture. Ein Mix aus Basics und Statementpieces. Eine unperfekt perfekte Lässigkeit zieht sich durch die Straßen. Stilbrüche und jede Menge Improvisation kreieren den gefeierten Berliner Streetstyle. Man kann die Regeln der Mode bekanntlich nur brechen, wenn man sie verstanden hat. Doch will sie der Berliner überhaupt verstehen? Experimentell, bunt, eklektisch und etwas trashy hebt sich Berlin eindeutig von der herkömmlichen Konvention ab. Turnschuhe in die Oper, Boots zum Cocktailkleid und dann auch noch am liebsten gepierct und tätowiert. Hier wird niemand schräg angesehen. Auf keinen Fall darf Kleidung einschränken und auch Pfennigabsätze werden durch Sneakers ersetzt. Hauptsache praktisch. Und bei all der Berliner Coolness sind die Hauptstädter vor allem eins: sentimentale Nostalgiker.

Fazit: Berlin ist nicht nur Fahrrad klauen, Berlin ist nicht nur voll mit Hundekot und Berlin ist auch nicht nur pleite. Zugegeben treffen manche Klischees durchaus zu – nüscht für unjut – jedoch gibt Berlin ein Versprechen: Die Freiheit zu sein, wer du bist.

 

 

Foto: Frankie, Ella

Layout: Nadja

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